Potsdam Babelsberg

Leseproben

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Inhalt Potsdam Babelsberg

9. Der Griebnitzsee –
Kalter Krieg und kaltes Wasser

Der Griebnitzsee, schmal, U-förmig, liegt in einer eiszeitlichen Rinne zwischen Havel und dem Teltowkanal und teilt den Berliner Stadtbezirk Steglitz–Zehlendorf vom südlich gelegenen Stadtteil Potsdam-Babelsberg.

Der Name Griebnitzsee hat slawische Wurzeln, „grib“ soll Pilz heißen, was darauf hinweist, dass ganz früher nicht nur Deutsche in den angrenzenden Wäldern nach Pilzen gesucht haben.

Eine Zeit lang teilte dieser See zwei Imperien, den Osten vom Westen, der „Eiserne Vorhang“ ging durch die Mitte des Sees, ein Ufer gehörte zu Potsdam- Babelsberg, DDR, Deutsche Demokratische Republik, Ostdeutschland, „Zone“, das andere Ufer zu Berlin, Westberlin, BRD, Bundesrepublik, oder selbstständige politische Einheit Berlin (West).

Lageplan

Aber immer wieder überlegten Menschen aus unterschiedlichsten Gründen, wie dieses Badeverbot zu umgehen sei, dachten sich Fluchtmöglichkeiten aus, versuchten sie zu realisieren oder träumten nur davon. Wer solch eine Befestigung baut, muss damit rechnen, dass man versucht, sie zu überwinden, denn immerhin lag das Verbotene in Sichtweite. Die Geschichte der Mauer durch und um Berlin ist auch eine Geschichte von gelungenen und misslungenen Fluchten.

Wachturm

Mindestens ein Ausreißversuch ist mit Sicherheit auch in Babelsberg geplant worden, vielleicht von jemandem, der in den nahe gelegenen Filmstudios der Defa gearbeitet hat. Von diesen Studios bis zum Griebnitzsee, also bis zur Grenze nach Westberlin, sind es nur ein paar hundert Meter.

Aber es gibt ein Problem – der See und die Straße davor liegen im Grenzgebiet und können nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Das sogenannte Sperrgebiet der Deutschen Demokratischen Republik insgesamt, wenn man die Grenze zur Bundesrepublik mit einbezieht, nimmt eine Fläche ein, die der des Staates Luxemburg entspricht.

In Babelsberg allerdings geht es nur um einige Meter, nur um eine kurze Strecke, die von dem Schlagbaum in der Rudolf-Breitscheid-Straße zum See hinunter führt.

Dieser Jemand, der in Babelsberg für den Film arbeitet, sieht auch selber leidenschaftlich gern Filme und erinnert sich an den „Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann, der auch in den DDRKinos mit großem Erfolg lief.

Warum sollte es keinen Hauptmann von Babelsberg geben, der Kostümfundus auf dem Studiogelände hat eine reiche Auswahl an Uniformen der Nationalen Volksarmee der DDR.

Armeehüte

Er könnte eine Hauptmannsuniform wählen, doch es ist nicht mehr Kaiserzeit denkt er vielleicht und entscheidet sich für einen höheren Dienstgrad. Geflochtene Achselklappen, drei Sternen – fertig ist der „Oberstleutnant von Babelsberg“.

Die Angelegenheit könnte nun folgendermaßen ablaufen, drehbuchreif, wenn man so will.

Der Mann verlässt seine Wohnung in Ostberlin, um mit den Regionalzug „Sputnik“ nach Potsdam zu fahren. Eine halbe Weltreise, und er hat genug Zeit, sich auf der Toilette des Zuges die Uniform anzuziehen und nachzudenken.

Zweifel steigen in ihm hoch. Wie soll das in Babelsberg funktionieren? Würden die ihm glauben und auf die Uniform und das gefälschte Schreiben vom Boss der Staatssicherheit, Erich Mielke persönlich, hereinfallen?

Vielleicht wäre die Glienicker Brücke besser für dieses Unternehmen geeignet. Für die Grenzer dort sind Nacht- und Nebel-Aktionen nichts Ungewöhnliches.

Glienicker Brücke

Die Meldung in den westlichen Nachrichtensendungen am 10. Februar 1962 lautete etwa so: Der amerikanische Spionageflieger Gary Powers wurde gegen den KGB Oberst Rudolf Abel auf der Glienicker Brücke in Berlin ausgetauscht. Der Schlagbaum in der Mitte der Brücke bildet die Grenze zwischen Westberlin und Potsdam im Osten. Die Umgebung der Brücke wurde abgeriegelt, auf jeder Seite warteten versteckt bewaffnete Einheiten, für den Fall das etwas schief gehen sollte. Gegen 8.00 Uhr morgens öffnete sich der Schlagbaum, und der erste Agentenaustausch zwischen Ost und West war vollzogen.

Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke

Kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges spielte die Glienicker Brücke eine Rolle in dem 1944 von Helmut Käutner gedrehten Film „Unter den Brücken“, unter anderem mit Carl Raddatz, Hannelore Schroth und Hildegard Knef. Dieser Film konnte erst nach 1945 fertig gestellt werden und erlebte dann bei den Filmfestspielen in Locarno seine Uraufführung.

Es wird die Liebe von zwei Männern zu einer Frau geschildert, welche auf einem Schleppkahn auf der Havel zum Ausbruch kommt. Dieser Film ist eine „Komödie des Alltäglichen“, ein privater Film, der nichts mit den Durchhalteparolen des NS-Staates zu tun hat.

Unter den Brücken

Der Oberstleutnant von Babelsberg ist inzwischen auf dem Hauptbahnhof Potsdam, angekommen. Beim Verlassen des Zuges wird er verhaftet.

Vielleicht, weil er den Zettel auf der Rückseite seiner Uniform mit der Aufschrift „Defa–Fundus“ in der Aufregung übersehen hat?

Potsdam Hauptbahnhof

Wäre das eine Vorlage für einen Defa-Film gewesen? Der „Stoff“ lag zumindest vor der Tür.

Aber auch die Ufa hat sich die erste Verfilmung des „Hauptmann von Köpenick“ entgehen lassen. Dies allerdings geschieht 1931 durch die kleine Berliner Gesellschaft Roto-Film. Unter der Regie von Richard Oswald spielt Max Adalbert die Rolle des Schusters Voigt

Szenenwechsel, September 2004.

Auf dem Griebnitzsee fährt ein kleiner Ausflugsdampfer Richtung Stölpchensee, die Sonne scheint angenehm warm, ein Schwan schaukelt weiß und strahlend im Takt der sanften Wellen.

Griebnitzsee

Fußgänger am Uferweg bleiben stehen und beobachten, wie zwei Frauen mit kräftigen und eleganten Paddelbewegungen ein kleines Kanu vorwärts treiben. Vielleicht gehören sie zum Sportclub Potsdam und trainieren für den nächsten großen Wettkampf, denn Potsdam ist ein Olympiastützpunkt.

Aber es herrscht auch ein wenig Aufregung am Griebnitzsee. Für kurze Zeit war ein Stück des Uferweges auf der Babelsberger Seite nicht zugänglich, Anwohner haben einen Teil des Weges gesperrt, um auf ein spezielles Anliegen aufmerksam zu machen.

Die Stadtverwaltung Potsdam reagiert unverzüglich und lässt den alten Zustand wieder herstellen. Was war geschehen? Ein langer Streit zwischen einigen Hausbesitzern am Griebnitzsee und der Stadtverwaltung Potsdam ist eskaliert. Der Hintergrund ist kompliziert und zeigt, wie Vergangenheit an einem Ort wie Babelsberg die Gegenwart beeinflussen kann.

Es geht um die Seegrundstücke. Einige gehören bereits den Anrainern, andere Hausbesitzer würden die Wassergrundstücke gerne kaufen, denn der Uferweg, ehemals Postenweg der DDR-Grenzbefestigung, trennt sie von den Häusern. Die Stadt hat ebenfalls ein Interesse an diesen Grundstücken und möchte, dass diese für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Die Mauer scheint in Babelsberg noch nicht vollends verschwunden zu sein. Einen Rest zumindest kann man am Uferweg in Höhe der Stubenrauchstraße besichtigen.

Mauer

Aber über eines sind sich die streitenden Parteien einig: Einer der schönsten Uferwege Potsdams soll bestehen bleiben; Spaziergänger können auch weiterhin entlang dieses idyllischen Weges die zum See gewandten Villen bewundern.

Villa am Griebnitzsee